Francesca Gress
Co-Geschäftsführerin von TMRW Tours
„Was essen wir heute Abend?“
Fotos © TMRW Tours
Lange dachte Francesca, dass dieser Satz in jeder Familie den Morgen einläutet. In ihrer eigenen DNA ist die Liebe zum Essen fest verankert, zwischen einer Mutter aus Italien und einem Papa aus Tirol. Die Ferien verbrachte sie bei ihrer Nonna in der Emilia Romagna, am großen Tisch der Großfamilie, den Duft von Kaffee und Ciambella in der Nase. Das Mittagessen war zu diesem Zeitpunkt meist schon am Vorabend besprochen, lacht sie. Diese frühesten Kindheitserinnerungen prägen sie bis heute.
Schon mit vier Jahren lernte sie das Handwerk von Grund auf und schloss die berühmten Tortellini ihrer Großmutter. Es war eine Schule der Genügsamkeit und Wertschätzung. Die Großeltern waren unmittelbar nach dem Krieg arm; die Familie mit zehn Kindern zu ernähren bedeutete, erfinderisch zu sein, und mit dem Nötigsten auszukommen: Das Gemüse kam aus dem eigenen Garten, und was man entbehren konnte, tauschte man mit den Nachbarn gegen andere Lebensmittel.
Dort lernte sie Saisonalität und „chilometro zero“ früh zu lieben und zu schätzen, und dass ehrliches Essen alles andere übertrifft.
„Den wahren Wert von Essen erkennst du nochmal mehr, wenn du es selbst zubereitest.“
Gutes Essen ist für sie keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Frage der Haltung. Komplizierte Gerichte müssen nicht zwingend gut sein, oft liegt die Kraft in der Einfachheit.
Gastgeben bedeutet für Francesca Fürsorge und Liebe, die man in die Gedanken und die Zeit investiert, um jemanden zu bewirten. Kulturen und Menschen lernt sie am liebsten am gemeinsamen Tisch kennen.
Nach ihrem Studium der Internationalen Betriebswirtschaft und jahrelanger Führungserfahrung in Marketing und Vertrieb bei L’Oréal weiß sie: Emotion schlägt Information, wer berührt, bleibt in Erinnerung. Das Schöne am Gastgewerbe sei, dass Emotion seit jeher die eigentliche Sprache ist. Und doch kommt sie manchmal beim Gast nicht an. Genau hier setzt Francesca mit ihrem Unternehmen TMRW Tours an, indem sie Betrieben dabei hilft, das Gasterlebnis laufend zu verbessern und Kommunikation so zu nutzen, dass echte Verbindungen entstehen.
Als Kommunikationsexpertin und Markenstrategin entwickelt sie gemeinsam mit ihrer Kundschaft Strategien und Konzepte, die ehrlich und aufrichtig erzählen und erleben lassen – und begleitet sie auf einer gemeinsamen Reise, die mit der Frage beginnt: Wer sind wir eigentlich, und für wen?
Francesca hinterfragt das Bestehende mit Neugier und Feingefühl. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist, kann nach innen und außen überzeugen und Menschen – Gäste wie Mitarbeitende – anziehen, die dieselbe Wertschätzung teilen. Sie verbringt viel Zeit vor Ort, beobachtet den Betrieb und die Gäste, und erspürt, wo Potenziale liegen.
Gearbeitet wird mit eigentümergeführten Betrieben und Visionär:innen; jenen, die einen externen Blick suchen oder schlichtweg Lust auf Veränderung haben und darauf, frische Ideen und neue Wege zu erkunden, die bisher noch nicht auf der Hand lagen. Teil ihrer Philosophie ist es außerdem, Betriebe über Ländergrenzen hinweg miteinander zu verbinden, die ähnliche Werte teilen – weil das Gute einen gemeinsamen Nenner braucht und Sichtbarkeit verdient.
Teil ihrer Kommunikationsarbeit sind auch die stimmungsvollen Fotos und Videos, die sie mit ihrem Ehemann und Geschäftspartner aufnimmt – immer mit dem Ziel, eine eigene Bildsprache für einen Ort zu entwickeln.
Zeit ist dabei oft das höchste Gut. „Stehen bleiben und sich umschauen, riechen, fühlen, all das löst Emotionen aus. Bei uns und letztlich dann auch in unseren Bildern.“ Mit wachsamen Augen und offenem Herzen werden Stimmungen wahrgenommen und eingefangen. Erst dann entsteht eine visuelle Welt, die nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern die Tiefe eines Ortes erzählen kann.
Aktuell betreut sie beispielsweise ein Hotel in Italien, bei dem es darum geht, Strategie und Kommunikation weiterzuentwickeln, um das Erlebnis wieder dorthin zu bringen, wo es sich früher für den Inhaber einmal richtig angefühlt hat. „Seit einem Jahr gestalten wir gemeinsam mit dem Kunden ein Konzept der maximalen Entschleunigung und dem Ziel, zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren, sowohl was das Erlebnis vor Ort als auch den Einsatz sozialer Medien angeht. Viele Betriebe verlieren auf der Jagd nach Followern und Likes aus dem Auge, wer sie sind, wofür sie stehen, und welche Gäste sie eigentlich gerne um sich hätten. Wenn Kommunikation nur mehr unter dem Gesichtspunkt der Performance und dem Befriedigen von Algorithmen betrachtet wird, entsteht zwangsläufig eine Oberflächlichkeit, die Betriebe maßgeblich verändert.“
Als zertifizierte Nachhaltigkeitsexpertin brennt Francesca für Initiativen, die wirklich etwas verändern.
Mit TMRW Tours zeigt sie Betrieben, dass eine Nachhaltigkeitsstrategie sich nicht auf ökologische Aspekte beschränkt, und dass sie schlicht gutes Unternehmertum ist.
Sie erzählt begeistert von einem Projekt in Mexiko, bei dem verschmutzte Sumpfgebiete in regenerative Landwirtschaft umgewandelt wurden, deren Betriebe heute die besten Restaurants in Mexico City beliefern. Vorreiter:innen wie die Mexikanerin Elena Reygadas, die in ihren fünf Betrieben Zirkularität lebt, oder Partnerschaften wie die zwischen Tian und Krautwerk oder Hirschen und Vetterhof zeigen, wie gemeinsames Handeln Veränderung trägt.
„Haltung zu zeigen, sich der eigenen Wirkung bewusst zu sein und in weiterer Folge entsprechend zu handeln ist ein unglaublich starkes Instrument. Jeder Betrieb hat einen Einfluss, den er nutzen sollte – auf das nächste Umfeld, die Mitarbeiter, die Umwelt, die Gesellschaft. Diesen Impact zu identifizieren und weiter hervorzuheben sehen wir als Teil unserer Aufgabe. Und das geht umso leichter, wenn man, wie wir, das Glück hat, mit Kunden zu arbeiten, die ihre Verantwortung als Selbstverständlichkeit sehen, als Teil ihrer DNA.“
Gäste wollen heute keine künstliche Inszenierung mehr, sondern Glaubwürdigkeit. Wer sich treu bleibt und nicht auf jedes willkürliche Feedback reagiert, schärft sein Profil, und kann dadurch überzeugender nach außen kommunizieren. Francesca erinnert sich an ein einfaches Beispiel in einem Farmhouse in England, das Orangensaft servierte, nur weil ein Gast einmal danach gefragt hatte – und das, obwohl der Apfelsaft aus den hauseigenen Äpfeln der beste Ausdruck des Ortes gewesen wäre, und tatsächlich jedes andere Produkt im Haus aus dem eigenen Anbau stammte. Solche Dinge regt sie zur Korrektur an, um darüber auch die Selbstsicherheit ihrer Kundschaft zu stärken.
Gefragt nach Orten, an die sie immer wieder zurückkehrt, nennt sie das Ottmanngut in Meran, den Hirschen in Schwarzenberg und die Masseria Moroseta in Apulien. Hier sind Menschen am Werk, die mit Überzeugung das große Ganze in den Mittelpunkt stellen. Besonders beeindruckt hat sie zuletzt das Restaurant Osip von Merlin Johnson in Südengland.
Dort überzeugt sie der eigene Anbau, die enge Zusammenarbeit mit umliegenden Farmen und die Zugänglichkeit des Personals. Durch den Schmäh, der dort auf Sterneniveau mit offener Passküche abgeliefert wird, und die Ungezwungenheit der offenen Kommunikation, entsteht für die Dauer des Besuchs ein besonderes Gefühl der Zugehörigkeit.
Diese Frauen sollten auf Female Chefs porträtiert werden?
Jungyun Kim, Gastgeberin, Restaurant Addiert Wien
Helena Lageder, Winzerin, Weingut Alois Lageder
Julia Kilarski, Inhaberin, Crème de la Crème Wien
Raphaela Burger, Küchenchefin, Hotel Hirschen Schwarzenberg
Katharina Flöss, Gastgeberin, Ottmanngut, Meran
Mit dieser Frau würde ich mich gerne einmal austauschen?
Zita Cobb
Themen
Markentstrategie und Kommunikation
Strategische und operative Nachhaltigkeitsarbeit
Carbonara 🙂