- ● Restaurateur, Wine
Annemarie Foidl
Sommelière und Hüttenwirtin Angereralm
„Wein erlebt man mit allen Sinnen. Doch erst wenn man ihn riecht und schmeckt, beginnt man ihn wirklich zu verstehen, dann erzählt er seine Geschichte und die Philosophie des Winzers.“
Annemarie Foidl wurde in Kitzbühel geboren und wuchs auf einem Bauernhof in St. Johann auf. Ein Umfeld, das geprägt war von Arbeit, Zusammenhalt und einer Selbstverständlichkeit im Tun. Ihre Eltern waren liebevoll und bestimmt, Werte wie Verantwortung und Bodenständigkeit wurden täglich vermittelt und vorgelebt.
Nach der HBLA in Saalfelden zog es Annemarie hinaus in die Welt. Sie wollte Stewardess werden, später in den Diplomatendienst eintreten. Sie konnte gut mit Menschen, sprach mehrere Sprachen und hatte keine Scheu vor neuen Wegen. Doch im letzten Schuljahr kam ihre Tochter zur Welt und mit ihr veränderte sich ihr Kosmos. Die große Welt rückte plötzlich weit in die Ferne.
Die Angereralm als Konstante
1985 übernahmen ihre Eltern die Angereralm und Annemarie entschied sich mitzuarbeiten. Schon bald schickte sie ihre Mutter zum Stanglwirt nach Tirol, um zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Auf ihre eigene Tochter passten während dessen ihre Mutter und ihre Schwester auf. „So war das damals in einer Familie, die zusammen hielt“, sagt Annemarie heute.
Angst kannte sie nie, dafür Respekt vor der Aufgabe. Von ihrer Mutter, der Ortsbäurin, lernte sie früh, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Ihre Großmutter, adelig und zugleich tief verwurzelt im Ort, vermittelte ihr schon damals, dass Verantwortung immer auch bedeutet, das Ganze im Blick zu behalten.
Lernen im Tun
Am ersten Tag beim Stanglwirt stellte sich Annemarie dem Chef direkt vor und ging anschließend in die Küche, um auch dort alle zu begrüßen. Sie wollte wissen, mit wem sie arbeitete und blickte dabei in überraschte Gesichter, weil diese Herangehensweise keiner von einer Servicemitarbeiterin erwartete. Bis heute sucht sie als erstes den Austausch mit den Köchinnen und Köchen, hört zu, fragt nach und entwirft erst nach Detailbesprechung des Menüs die Getränkebegleitung. Dieses Miteinander macht für sie bis heute den Unterschied.
Schon 1988 begann sie, sich intensiv mit Wein zu beschäftigen, nachdem der damalige Sommelier sie beim Stanglwirt zu Weinverkostungen mitnahm und so ihr Interesse für Wein weckte. In ihrer Freizeit flog sie alleine nach London zur Wine Trade Fair und sah sich die wichtigsten Winzer:innen und Regionen der Welt an. „Als viele sagten, südafrikanische Weine seien nichts, wollte ich mir selbst ein Bild machen und flog prompt nach Südafrika“, lacht Annemarie heute und ergänzt: „Grenzen setzt du dir immer nur im eignen Kopf.“
Ein Leben in Bewegung
Ihre Neugier führte Annemarie in viele Länder. Entfernungen oder Reisestrapazen schreckten sie nie. Sie wuchs mit dem Grundsatz auf, dass Arbeit dann endet, wenn diese erledigt ist. Man blieb, bis man fertig war.
Nur wenige Monate ihres Lebens war sie angestellt, alles andere war sie in der Selbstständigkeit. Am 21. Dezember 1989 übernahm sie als jüngste Wirtin Österreichs die Angereralm. Das Familienmotto lautete immer: nicht lange überlegen, einfach tun.
Die Angereralm ist heute über 260 Jahre alt und die älteste Hütte in St. Johann. Zwölf Zimmer mit Etagenduschen aus der eigenen Quelle. Ein Ort, an dem Menschen einander begegnen und ins Gespräch kommen. Oft entstehen genau dort, im Gang, während des Wartens auf die Dusche, diese kleinen Momente, die wieder „menscheln“.
Gastgeberin aus Überzeugung
Bis ins Jahr 2000 kochte Annemarie selbst. Abends mehrere Gänge für ihre Gäste, tagsüber das laufende Geschäft. Sie liebte die Details, überraschte beim Anrichten und verstand es, mit einfachen Mitteln etwas Besonderes zu schaffen.
Sie besitzt heute über hundert Kochbücher und schätzt den Austausch im Tiroler Wirtshausnetzwerk und der Koch Art. Aus den Wiesen rund um die Alm nutzte sie Blumen und Kräuter, ihr selbstgemachter Hollersaft wurde zum geheimen Klassiker, der mit wenig Einsatz viel einbrachte.
Wein als Lebensaufgabe
Als Sommelière führte ihr erster Weg immer in die Küche. Sie wollte verstehen, welche Aromen und Texturen aufeinandertreffen. Nur so, sagt sie, entsteht ein stimmiges Zusammenspiel von Essen und Wein.
Obwohl sie in der Sommelierie bereits etabliert war, musste sie zunächst ihren Mut zusammennehmen, um dem Tiroler Sommelierverein beizutreten. Die herzliche Aufnahme im Verein ermutigte sie schließlich zur aktiven Mitarbeit; bereits nach einem halben Jahr wurde sie zur Vizepräsidentin gewählt. 1998, mit der Gründung des Dachverbands der österreichischen Sommeliervereine, übernahm sie die Funktion der technischen Direktorin. 2008 wurde sie schließlich zur Präsidentin der Sommelier Union Austria gewählt.
Bis heute ist Annemarie international unterwegs, organisiert Trainingslager und begleitet Menschen auf ihrem Weg zu Wettbewerben. Sie brachte internationale Kolleginnen und Kollegen nach Österreich und zeigte, was österreichische Winzerinnen und Winzer leisten. Die internationale Vernetzung und der Austausch unter Sommeliers sind ihr besonders wichtig. Besonders schätzt sie die nordischen Länder. Dort, sagt sie, zählt das Handwerk mehr als die eigene Eitelkeit.
Für Annemarie sind Sommelièren vor allem Gastgeber:innen. Menschen mit Gespür, egal ob es um Wein, alkoholfreie Begleitung, Kaffee oder andere Getränke geht.
Wein, der Geschichten erzählt
Was sie am Wein fasziniert, ist das Zusammenspiel vieler Ebenen. Landschaft, Landwirtschaft, Geschichte, Menschen, Philosophie. Über Wein lernt man Regionen und Charaktere kennen, versteht Zusammenhänge und Kulturen.
Wein und Essen waren immer Teil bedeutender Momente. Sie öffnen Gespräche, schaffen Nähe und Zufriedenheit. Wein ist keine trockene Theorie, sondern erzählt vom Leben der Menschen dahinter.
Blick nach vorne
Annemarie ist überzeugt, dass die Zukunft weiblich ist. Sie freut sich darüber, dass Frauen ihre Chancen heute selbstverständlicher nutzen. Über die französischen Winzerinnen und Winzer sagt sie, dass dies das einzige Land der Welt sei, in dem die Rebsorte im Vordergrund stehe und die Winzerinnen und Winzer dem Wein folgten und nicht umgekehrt. Dort habe man verstanden, sich an der Rebsorte zu orientieren und sich selbst zurückzunehmen. Frauen, so sagt sie, stellen sich oft leichter in den Dienst des Weines und bringen dadurch großartige Weine hervor.
In ihrer Funktion beobachtet sie eine klare Entwicklung hin zu weniger Alkohol, mehr Nachhaltigkeit, autochthonen Rebsorten und stärkerem regionalem Zusammenhalt. Regionen, die gemeinsam auftreten, gewinnen an Kraft und Sichtbarkeit.
Für sie ist die Gastronomie eine der schönsten Branchen überhaupt. Sie kann reisen und gleichzeitig Hüttenwirtin sein. Genuss ist für sie kein Luxus, sondern etwas, das Menschen verbindet.
Auf der Alm, sagt sie, sind Menschen offener. Der Berg gibt Kraft, die Natur legt sich wie ein warmer Mantel um einen.
Für die Zukunft wünscht sie sich mehr Miteinander, mehr Verantwortung füreinander und ein neues Verständnis von Engagement. Nicht zuerst fragen, was man bekommt, sondern was man beitragen kann.
Mit diesen Frauen arbeite ich gerne zusammen?
Mit sehr vielen!
Folgende sind die Frauen, mit denen ich regelmässig zusammen arbeite und viel auf die Beine stelle:
- Dagmar Gross – Grosswerk
- Natascha Quester Sommeliere
- Mag. Sandy Grasky Hofmann – Vie Vinum Organisatorin
- Ulli Hager ÖWM
- Maria Obermayer Weinviertel DAC
- MW Romana Echensperger
- Carole Rohrmoser Stein
Mit diesen Frauen würde ich mich gerne einmal austauschen?
Da gibt es sehr viele, aber oft ergibt es sich einfach, wenn man sich trifft!
Themen, die Annemarie bewegen:
Miteinander, Eigenverantwortung, Selbstvertrauen, die eigenen Stärken erkennen.
Wein , Getränke und Essen.
Man muss dem Leben seinen Lauf lassen, denn das Leben macht keine Fehler. Auch aus Fehlern und Niederlagen können Erfolge wachsen – wenn man an sich arbeitet und demütig bleibt.
Kontakt
Annemarie Foidl
Angerer Alm
Berglehen 53
6380 St. Johann